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Gottesferne ganz nah: mehr Bilder

Mechthild v. Magdeburg mehr Bilder

Lichtfenster
Benita Joswig
Glasmalerei

Roncallihaus in Magdeburg, 2008





 
 
Glashaus
  Gottesferne ganz nah von Benita Joswig
Gottesferne ganz nah
Arbeit über die Mystikerin Mechthild von Magdeburg

Das Roncallihaus in Magdeburg ist ein ineinander geschachteltes Glashaus. Durch eine  Glasschiebetür, die wie ein Sesam öffne dich aufgeht, betritt man ein großzügiges Foyer. Die große Glasfassade überlässt  bei gutem Wetter dem  Sonnenlicht den ganzen Raum. Die vielen Scheiben, die Glasbalkonbalustrade im ersten Stock, der Eingang ins Treppenhaus, ergeben ein Spiegelkabinett moderner Architektur.  Mitten drin der Namensgeber des Hauses in Form einer Bronzebüste: Papst Johannes der XXIII, genannt auch Roncalli, der der katholischen  Kirche mit seinem innovativen Begriff aggiornamento den Blick durch und aus den Fenstern wieder eröffnet hat. Der Papst meinte damit eine Verheutigung (ital. giorno = der Tag), ein Auf-den Tag-bringen des Katholizismus.

Mit hochpigmentierter Gouachefarbe male ich seit einigen Jahren auf Fensterscheiben. Das Wetter, die Lichtverhältnisse, das Thema gehen miteinander eine Verbindung ein. Im Ronkallihaus,  im Jubiläumsjahr der Mechthild von Magdeburg, ging es um diese  Frau , die im 13. Jahrhundert die Stadt  in eine ihr eigene Lichtvision gesetzt hat. Von daher habe ich einer ihrer schärfsten und klarsten Texte aus ihrem Buch Das fließende Licht der Gottheit gleich am Anfang zitiert, indem ich in eine groß angelegte gelbe Farbfläche auf die Eingangstürscheibe ihren Text schrieb: „Ich wurde vor diesem Buche gewarnt und von Menschen also belehrt: Wolle man davon nicht absehen, dann wird es in Flammen aufgehn! Da tat ich, wie ich als Kind schon pflegte, wenn ich traurig war, musste ich immer beten. Ich wendete mich zu meinem Lieben und sprach: „Eia, Herr, nun bin ich um deiner Ehre geschlagen, soll ich von dir jetzt ungetröstet bleiben? Denn du hast mich dazu getrieben und hießest mich selber es zu schrieben. Da offenbarte sich meiner Seele ohne Verzug, indem er das Buch zu seiner Rechten trug und sprach: Meine Liebe, betrübe dich nicht zu sehr, die Wahrheit kann niemand verbrennen.“

Gott bückt sich

Der Text zeigt unter welchem Druck Mechthild gestanden hat. Sie arbeitete und lebte als Begine, Theologin und Sozialarbeiterin in Magdeburg. Sie gab ihr Burgleben auf und zog in die Stadt. Ihrer Schrift entnehme ich eine Gottesbeziehung, die Gott bei den Menschen verortet, wo Unrecht, Mangel, Leid, Ausgrenzung, Einsamkeit die Menschen plagte. Die Wahrheit darüber lässt sich nicht verbrennen, genauso wenig wie ihre Gottesschau, die sie im Zwiegespräch mit Gott führt und aufgeschrieben hat. Die beschriebene Tür gleicht mit dem oben zitierten Text Mechthilds einer Buchseite, die der/die Eintretende aufschlugen, wenn sie die Tür öffneten, die zum Fahrstuhl oder der Treppe führte. Nahm man den Weg über die kleine Treppe sah man schon von unten ein Fenster, das mit der Bodenkante des Treppenabsatzes abschloss, knallrot, leuchtete es, besonders wenn am Abend die Sonne durchscheinte. In dieses Rot habe ich drei Wort hinein formuliert,  nachdem ich Mechthilds Schrift für diese temporäre Glasmalerei gelesen habe: Gott bückt sich. Das Eigenwillige war, dass der Satz nur gelesen werden konnte, wer sich selbst auch bückte. Eine kleine moderne Bußübung mittels künstlerischer Mittel könnte man sagen, eine farbliche Einstimmung in die großartige und zeitgenössische Theologie der Mechthild von Magdeburg, ein kleiner Hinweis für Menschen, die Fenster verschließen und den Blick auf die Wahrheit verstellen.

Benita Joswig
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